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GLEICHMUT

Im Hebst fallen die Blätter.

Als ich kürzlich stupid durch den Wald ging und meine Schritte zählte, bemerkte ich, wie ich mit jedem Schritt, den meine Beine hinter sich brachten, gleichzeitig an tausenden von verschiedenfarbigen Blättern vorbeiging. 

Wie doch die Blätter das Loslassen und die Gelassenheit beherrschen.

Es sind Buddhafiguren des Gleichmuts. 

Sie sorgen sich nicht um den Wind, der sie wegfegt, sie sind einfach. 

Ich denke, dass es noch lange Ahornblätter geben wird, wenn das letzte E-Auto schon längst vom Erdboden verschwunden ist. Diese Meister und Meisterinnen des Gleichmuts sind im Universum aufgehoben. 

Obwohl wir das auch sind, können wir von ihnen lernen, wie das geht.

Wenn Gefühle den Verstand weiterbringen

Ich hatte ein ungutes Gefühl nach dem Film von Wim Wenders über Anselm Kiefer.

Mein Eindruck war, das Wenders (oder Wenders und Kiefer zusammen) es sich zu einfach gemacht habe (hätten). 

Die in diesem Film militant vorgeführte Heideggerkritik und Inschutznahme von Celan war mir zu einfach. 

Deshalb ging ich auf Recherche.

Der Eindruck, den ich vom Film mitgenommen habe, hat sich dadurch bestätigt. 

Es geht nicht an, Celan als Opfer der Ignoranz Heideggers dazustellen. Genau dies aber hat der Film getan. Damit hat er die Faktenlage missachtet, beziehungsweise umgedeutet (vorausgesetzt, Wenders hat sie gekannt).

Es ist sehr einfach, aus Heidegger im Nachhinein einen Nazi zu machen. Es wäre hilfreich, es wäre unglaublich hilfreich und versöhnlich (!) gewesen, wenn Heidegger später ein Wort für sein Verhalten während des Nationalsozialismus gefunden hätte. Es gibt dieses Wort von ihm nicht. Möge dies verurteilen, wer es vermag – ich will es nicht, bei allem Schmerz, den auch ich dabei empfinde.

Doch meine Erfahrung ist es, dass Verurteilungen und militante Stellungnahmen dafür oder dagegen in solchen Fällen meist nur die Fronten zwischen Gut und Böse verhärten.

Dies hat Wenders in seinem Film tatsächlich getan. Und beide, er und Kiefer, haben sich für Celans Hoffnung auf ein „kommendes Wort“ von Heidegger eingeschworen, nicht prüfend und keinen Moment in die Waagschale werfend, wie gefährlich es sein kann und meistens auch ist, wenn wir ganz viel, ja Rettung von einem Gegenüber erwarten, ohne genau auszusprechen, was wir erwarten.

Was wir vom anderen oder von der anderen unausgesprochen erwarten, kann er oder sie uns nicht geben. 

Das ist das eine, was Wenders entgangen ist. 

Das andere ist, dass die im Film massiv gezeigte Haltung gegen Heidegger, den Täter, und die schützende Geste zu Celan, das Opfer, zumindest in deutschkritischen Kreisen in den USA auf großes Wohlwollen stieß. Kiefer ist, nachdem der Film in den Kinos gelaufen war, sofort als bedeutendster lebender europäischer Künstler durch die Decke gegangen. 

Und so bleibt das schale Gefühl zurück, dass selbst bei diesem eigentlich doch gebildeten Wim Wenders etwas gründlich schief gelaufen ist.

Die Quellen zeigen, und das macht die Sache doch erst richtig interessant, dass weder Heidegger Celan noch Celan Heidegger je zurückgewiesen hat…

DIALOG

Platon war ein Genie, das empfand ich früher und empfinde es noch. Er war Schüler von Sokrates und hat Sokrates zum Protagonisten in seinen Dialogen gemacht. Davon war ich früh schon fasziniert. Meine erste Arbeit an der Uni war die Auseinandersetzung mit einem Dialog von Platon, in welchem er seinem Lehrer Sokrates ein Denkmal setzt. 

Der Sokratische Dialog ist mir erst durch Nietzsche suspekt geworden. Nietzsche sah in ihm den Trend zum Begrifflich-Rationalen, ein Trend, der so tut, als wäre Wahrheit, einmal dialogisch errungen, etwas, auf das wir immer zugreifen könnten. 

Das ist beim Dialog im Sinne von David Bohm anders, und das gefällt mir so an dieser anderen, dem Sokratischen Dialog teilweise entgegengesetzten Form der Begegnung. 

Es gibt ein dialogisches Miteinander, das funktioniert, ohne dass Wahrheit daraus hervorgeht. Dafür ist der Anteil der gegenseitigen Wahrnehmung größer, und es kann so etwas wie ein Sinnfluss zwischen den Beteiligten entstehen. Und, eine wunderbare Erfahrung und auch permanente Schulung, du wirst dir deiner selbst als Redende und Redender bewusst – oder sagen wir bewusster. Nein, «bewusst» passt nicht, besser: du hast zu dir selbst eine erhöhte Wahrnehmung und hängst nicht in falscher Selbstbeurteilung fest. 

Und du merkst, dass es Räume und Begegnungen gibt, die dich selber über Dich hinausheben und mit etwas verbinden, das größer ist als das, was du bisher von dir gekannt hast.

 

     
     
     
     
     
     

Verschobene Zeiten

Wer im Wald westlich der Stadt Kassel unterwegs ist und immer wieder so eigenartigen Vertiefungen im Waldboden begegnet, hat den Beweis vor Augen, dass es nicht nur Soldaten gibt, die nicht schießen, sondern auch Piloten, die keine Bomben auf Häuser werfen. 

In der Vergangenheit jedenfalls war es so. Manche der englischen Piloten warfen in der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober 1943 ihre Bomben nicht über der Stadt ab, sondern im Habichtswald. Vermutlich weil sie keine Menschen obdachlos machen und überhaupt einfach nicht töten wollten. 

Der 2. Weltkrieg ist längst vorbei, Schnee von gestern sozusagen, doch die bewachsenen Krater im Wald erinnern noch ewig an ihn. 

Schnee von gestern ist gut: Ich freue mich immer wieder, wenn ich jemanden durch den Neuschnee waten sehe und kurz danach jemand anderes den Weg schippert, wo gerade eben die neue Spur entstanden ist. Nach einer Weile ist der Schnee wegeschmolzen und es bleiben nur die Spuren zurück.

Auch so ein verschobenes Zeitgeschehen wie die Sache mit den Bomben im Wald. 

Eingebung

Heute auf meinem Fitnessweg hatte ich plötzlich die Eingebung, den Weg zu berechnen. 

Das macht meine Uhr automatisch, sagt Freund X. Lad’ dir doch ne App runter und dann macht’s dein Handy aucfh, sagt Freundin Y. Sagen sie natüröoch ungefragt, weil, das weiß ich selber natürlich auch.

Ich habe keine solche Uhr und lasse das Handy zu Hause, wenn ich in die Natur gehe. 

Dennoch habe ich vom Zielpunkt bis nach Hause die Schritt gezählt. Was eine Uhr oder App automatisch macht, musste ich ein bisschen im meinem Hirn präparieren. Es war ein Riesenspaß.

6137 Schritte für den Rückweg. Gesamtstrecke 12.274 Schritt.

Nicht genau 12.274 Schritte, ist klar, denn Hin- und Rückweg waren nicht identisch. Auch nicht 12.274 Meter. Meine Schritte waren mal länger, mal kürzer. Auch klar. 

Aber ich bin stolz. Und wenn jetzt jemand behaupten will, ich hätte ja vor lauter zählen nichts anderes mehr mitbekommen, irrt sich gewaltig. 

Ich habe während des Zählens zum ersten Mal bewusst erlebt, an wieviel hundert Buchen und Klein- und Kleinstbuchen ich auf einer Strecke von 10 Schritten vorbeigehe. Und mir wurde bewusst, wieviele Herbstblätter ich, wenn ich durch den Wald gehe, beim Gehen betrachte, es sind zig- und abertausende von solchen wunderbaren Blättern, ich habe sie beim Zählen der Schritte summarisch mitgezählt.

Es ist eben doch so: Eine Maschine ist weder immer besser noch immer nötig und eigentlich sehr oft schlichtweg überflüssig, genauer gesagt: viele Maschinen, auch solche, die wir am Körper tragen, sind weder immer besser als ein Leben ohne sie noch überhaupt nötig. 

Dieser Satz ist übrigens, falls er nicht selbsterklärend ist, eine GROSSE ERKENNTNIS, ja eine WELTVERÄNDERNDE WAHRHEIT. 

 

Zufall

Zufällig – aber was ist schon Zufall – ist parallel zu meinem letzten Beitrag eine Petition gestartet worden. Hier der Wortlaut der Initator*innen:

«Hallo, bald sollen Gentech-Rösti, Gentech-Chips und Gentech-Pommes auf unsere Teller kommen. Das fordert die Kartoffel-Branche! Sie will die Schweizer Traditions-Knolle gentechnisch verändern, anstatt auf die bewährte herkömmliche Züchtung zu setzen, welche Jahr für Jahr neue robuste Sorten auf den Markt bringt. Das ist unnötig und falsch! 😡 Genau darum wurde die Petition Finger ab dä Rösti gestartet. Sie fordert von Akteurinnen wie der Migros oder Zweifel-Chips, dass sie sich für traditionell gezüchtete und gentechnikfreie Kartoffeln einsetzen und die Finger von leeren Gentech-Versprechen lassen.»

Meine ketzerische Frage bleibt, das heißt sie stellt sich erst recht: Warum sind die meisten Kartoffelchips in der CH so ungenießbar, selbst wenn zu ihrer Herstellung bisher nur natürliche Kartoffeln verwendet wurden?

So sieht’s aus in der CH

Während sich andere über den Rechtstrend den Kopf zerbrechen, den es auch in der CH gibt, beschäftige ich mich lieber mit Schweizer Lebensmitteln. 

In der Schweiz ist man stolz auf edlen Kaffee und edle Schokolade. Wie kommt es dazu? Wohl nicht zuletzt durch den Import von sehr unschweizerischen Rohstoffen wie Kaffee- und Kakaobohnen. 

Bei den Kartoffelchips sieht es gründlich anders aus, die stammen wirklich aus der CH – und die meisten von ihnen schmecken gruselig. 

Der klare Marktführer im Schweizer Chips-Markt vermeldet den zehnten Umsatzrekord in Folge. Die Chips dieses Giganten purzeln dir im Fachgeschäft und in sämtlichen Supermärkten zweifellos massenhaft entgegen. Nimm drei Pakete zum Preis von zwei, und jedes Paket mit 40% mehr Inhalt als sonst.

Wie gesagt, diese Chips schmecken grottenübel.

Ist das nicht eigenartig? Was tun die nur mit den Kartoffeln, die im eigenen Land wachsen?

Manchmal verstehe ich die Welt nicht mehr und erst recht die kleine Schweiz kein bisschen nicht.

Gruß,   

 

Verfehlte Motivation

Manchmal beschleicht mich der Verdacht, Leute finden den Dialog deshalb so gut, weil sie denken, in einem Dialog hätten sie es mit anständigen, rücksichtsvollen Leuten zu tun. 

Dass sie selbst unanständig und rücksichtslos sind oder, freundlicher formuliert, sein könnten, mag ihnen durch wiederholte Dialoge zur Einsicht werden. 

Orte bespielen

Früher war das Bespielen von Orten großen Baumeistern vorbehalten. Die große Zeit der Architekur dauerte Jahrhunderte, ja Jahrtausende. Und diese Art der Gestaltung hervorgehobener Orte war die einzig gesellschaftlich relevante, sowohl im Sakralen als auch im Öffentlichen.

In der Aktionskunst des 20. Jahrhunderts war das Performen von Orten zentral. Der Ort musste nicht im Vorhinein darstellen, was durch große Architekur gegeben war. Das künstlerisch Tun am gewählten Ort stand im Zentrum. Laut Beuys waren uns sind solche Orte beispielsweise Hauptbahnhöfe, gerade auch heruntergekommene und als Orte wenig bis gar nicht überzeugend. 

Heute hat sich der Umgang mit Orten nochmals verschoben und sozusagen privatisiert, auch deshalb, weil öffentliche Orte vom Ungeist gekapert und umdefiniert werden. 

So sind Orte, an denen Neues geschieht, solche, die weder architektonisch vorbestimmt sind noch durch Einzelne in eine Ordnung gebracht werden. Vielmehr geht es um gemeinsame Impulse, aus denen heraus sich Energie, Sammlung, Zusammenklang gestaltet, der weder an vorgegebene Orte noch an die Initiative Einzelner bindet.  

Dieses verrückte Nachrichten-Schauen

Wie beim Wählen scheiden sich auch beim Nachrichten-Schauen die Geister: die einen tun’s, die anderen lassen’s. Konsens ist nicht in Sicht. Auch hier geht ein Riss quer durch die Gesellschaft.

Gestern im Café saß ich einem gebildeten, tief im Geistigen verwurzelten Menschen gegenüber. Das Gespräch drehte sich um die Angst. Man müsse informiert sein und die Nachrichten schauen. Mein Gegenüber schaut auch jeden zweiten Abend Markus Lanz. Dabei, nein ich sage: dadurch nimmt die Angst dieses wachen Zeitgenossen ständig zu, auch die Verwirrung, doch Tagesschau und Lanz-Diskussionen müssen schlichtweg sein. 

Was ist dagegen zu sagen? Höchstens dies, dass auch andere Schwerpunkte gesetzt werden könnten. 

Da gab es doch diesen weisen Philosophen Seneca. 

Die Beschäftigung mit ihm bringt Ruhe in unsere stürmische Zeit. Seneca war ein demokratisch ausgerichteter Staatsmann. Er lebte in der dunklen Zeit, als Kaiser Nero in Rom herrschte. Im krassen Gegensatz zu Nero lebte Seneca nicht für sich, sondern für die anderen.

Nero zwang ihn 65 n. Chr. dazu, sich das Leben zu nehmen. Senecas sagte den trauernden Menschen, die dabei waren, als er aus dem Leben ging:

«Ihr seht, dass es mir nicht vergönnt ist, eure Dienste mit den letzten Zeichen meiner Wertschätzung zu vergelten. Eines aber bleibt mir noch: Ich hinterlasse euch das Beispiel meines Lebens als das beste und kostbarste Vermächtnis, das mir zu geben möglich ist.»

Dieser ehrenrührige Seneca wurde von einem machtbesessenen wahnsinnigen Politiker ermordet und fand angesichts dieses unsäglichen Geschehens solche Worte. Sie trösten mich in einer Zeit, wo solche Morde weiterhin stattfinden.Die Worte klingen wie der Beweis, dass es unter falschen Lebensumständen ein richtiges Leben gibt.