Kategoriearchiv: Blog

Weltverbesserers Demut

Kürzlich bekam ich Post aus den Bergen in der Schweiz. Der Absender bezog sie auf einen der letzten Gedanken, wo ich fragte, was es eigentlich sei, das uns Menschen davon abhalte, an der Kluft zwischen großen Menschheitsidealen und dem privaten, oft mühsamen Alltag zu zerbrechen?

Er schrieb, er zerbreche nicht, weil er wisse, dass in diesem Leben nie den grossen Menschheitsidealen gerecht werden könne. Und fügte lakonisch hinzu, alles andere wäre für ihn eine Überforderung, bzw. eine Anmassung.

Das saß, gerade von ihm saß das doppelt, ist er doch ein Mensch, der 

Ich weiß es nicht

Was ist es eigentlich, das uns Menschen davon abhält, an der Kluft zwischen großen Menschheitsidealen und dem privaten, oft mühsamen Alltag zu zerbrechen?

Ist es die Kunst? Die Bereitschaft? Die Liebe? 

Ich weiß nicht, was Kunst oder Bereitschaft ist, und erst recht nicht, was Liebe ist. 

Falls due es weißt, sags mir, jedoch nicht in diesen ermüdend gewöhnlichen Worten, die überall zu hören sind, sondern so, dass die Fragestimmung bleibt.

Alltagsgift

Geh in einen Raum, wo gerade die Nachrichten im Radio zu hören sind.

Ist das nicht der immer gleiche Giftbecher, der da gereicht wird?! 

Nach dem Amok habe sich der Täter erschossen. Der Minister habe den Hinterbliebenen sein Beileid ausgesprochen.

In Nepal seien die Berge lebendig geworden. Die Folge davon: tausende Tote.

Dann noch etwas aus der Regierung und etwas von der zweiten Bundesliga im Fußball und schon sind mir wieder fünf Lebensminuten abhanden gekommen.

Jedesmal nach den Nachrichten weiß ich über etwas Bescheid, das mich nichts oder wenig angeht – oder, wenn ich zuließe, dass es mich etwas angeht, mein Leben verändern würde.

Für Traumatherapeut*innen sind kranke Menschen Symptomträger der Systeme.

So gesehen sind Amokläufer*innen und eine sich zu Wort meldende Natur die natürliche Reaktion auf den menschengemachten alltäglichen Wahnsinn, dem die Nachrichten aus dem Weg gehen.

 

Helft retten!

Wozu wurden E-Mails erfunden? Anscheinend, um mir täglich Aufrufe ins Haus zu schicken: Rette die Wale! Rette das Klima! Rette dieses Volk und jenes Volk! Rette die Metzgerei in deiner Nähe! Rette Kröten, Frösche, Maulwürfe und Igel!

Heute las ich vor dem Buchladen am Bebelplatz auf einer großen Tafel: «Rettet die Handschrift – schreibt Postkarten!»

Das hat mich sofort angesprochen und erfreut. 

Wenn du dich durch diesen Aufruf ebenfalls angesprochen fühlst, schreib mir eine Postkarte. Ich schreibe garantiert zurück.

Grüße aus sommerlicher Wärme

PS: Meine Adresse findest du im Impressum 😉

Fragmetiert

Wie sehr Denken in unserem Alltagsleben fragmentiert ist, zeigt sich zur Zeit an der Niedrigwasserstandsdebatte. 

Die Wassermenge im Rhein steht auf einem historischen Tiefstand. Der Fluss führt nur ein Drittel des Wassers, das sich sonst durch sein Flussbett wälzt, melden die Nachrichten. 

Zeit für Minister, sich wortlaut für das Wohl des Volkes, sprich der Wirtschaft, stark zu machen. Man müsse die Rinnen, in denen die schweren Schiffe aufzulaufen drohen, eben ausbaggern, damit das Wasser wieder tief genug sei und weiterhin die bisherigen schweren Lastenkähne ihre schweren Lasten rauf und runter ziehen könnten. 

Ist das nicht ein durchwegs fragmentiertes Denken? Wie tief kann man einen Kanal, in welchem kein Wasser mehr fließt, ausbaggern und dabei erwarten, dass es er danach wieder ein Fluss mit Wasser wie vorher sei?!

Wie würde es Minister*innen, überhaupt Politiker*innen gehen, wenn sie integral denken würden?

 

 

 

Was aber bleibt

Was bleibt, stiften nicht die Dichter, wie der weltfremde Hölderlin einst meinte, sondern was mir geblieben ist von der Tour de France, sind Bilder der Wegwerfgesellschaft.

Die Duelle verblassen, auch die wippenden Körper bei 14% Steigung, die Etappensprints und das taktische Fahren der Mannschaften. All dies ist wenige Tage nach dem Ende der Tour im trüben Orkus des Vergessens versunken. 

Was bleibt, ist das Bild einer Menschenmasse vom Umfang mehrerer Busladungen, die sich – eingerahmt von einer stinkenden Masse von Autos und vor allem Motorrädern, deren Kameramänner immer wieder die Tachos filmen, die anzeigen sollen, wie schnell die Radfahrer die Berge runter und durch stille Täler flitzen – als träger Lindwurm durch abgelegenste Landschaften bewegt und deren buntbekleidete Einzelobjekte, begleitet von ihren farbigen Mannschaftswagen, permanent, das heißt über viele Stunden, Flaschen an sich reißen und andere Flaschen in Büsche und Böschungen schleudern, oder Eisbeutel unter ihre Trikots schieben und die Verpackungen in Büsche und Böschungen werfen, oder die eingeschweißten Laschen von Energiegels mit den Zähnen aufreißen und die leergeschlonzten Plastikteile in Büsche und Böschungen knallen…

Traum

Im Übergang von der REM-Schlaf-Phase in die hypnopompische Phase, einfacher ausgedrückt: kurz vor dem Erwachen hatte ich einen Traum mit einem Teil archaischer Themen und einem daran angehängten Teil anfänglicher, halbschlafartiger Reflexion. 

Ich träumte, ich irrte zur Zeit unserer neolithischen Vorfahren mit einigen anderen aus meinem Clan, vermtlich irgendwo unter der Erde in Mexiko, durch unterirdische Höhlengänge. Wir rannten und rannten, ich immer dem Menschen, der einige Meter vor mir ebenfalls rannte, hinterher. 

Erst rannte ich kopflos mit. Die längste Zeit. Dann schaute ich ab und zu mal in Höhlengänge, die wir links und rechts liegen ließen und dachte: «Um Gottes Willen, woher wissen wir denn eigentlich, wo wir entlang rennen?» Dann dachte ich, während wir immer weiter rannten und immer wieder die Richtung leicht änderten: «Wenn jetzt der Mensch vor mir hinter der nächsten Biegung verschwindet, weiß ich nicht mehr, wie es weiter geht und auch nicht, wie der Weg zurückgeht.» 

Ich erschrak und beruhigte mich sofort wieder, denn ich konnte ja denken. Und dachte: Nun, dann mache ich es doch wie Ariadne seinerzeit auf Naxos, ich nehme ein Wollknäuel und ziehe los, immer neben mir den Faden ausrollend. Ich kann jederzeit vor und zurück und finde immer wieder den Ausgangspunkt. 

Das luzide Gefühl, mit klarem Verstand ein Lebensproblem zu lösen, erlebte ich als Vorgriff auf eine Zeit, in der auch andere Menschen so etwas könnten. Doch vorerst konnte es nur ich allein. Ich war meinem Clan weit voraus. 

Allein – mein klarer Verstand blieb nicht stehen. Ich dachte, bevor ich erwachte: na ja, das mit dem Wollknäuel ist natürlich schon eine große Vernunftleistung. Hut ab, nur, du steckst doch schon mitten drin im unterirdischen Höhelnsystem! Was nützt es dir, wenn du dich mittels eines Fadens orientierst?! Du kommst nur immer an den Punkt zurück, wo dir das eingefallen ist, und dieser Punkt ist irgendwo unter der Erde und du hast keine Ahnung wo. 

An diesem Punkt endete der Traum…

Gender

Genderstudien mal anders.

Schubert hat das folgende Gedicht vertont:

O wie schön ist deine Welt,
Vater, wenn sie golden strahlet,
Wenn dein Glanz hernieder fällt,
Und den Staub mit Schimmer malet;
Wenn das Rot, das in der Wolke blinkt,
In mein stilles Fenster sinkt.

Könnt ich klagen? könnt ich zagen?
Irre sein an dir und mir?
Nein, ich will im Busen tragen
Deinen Himmel schon allhier.
Und dies Herz, eh es zusammenbricht,
Trinkt noch Glut und schlürft noch Licht.

Es gibt auf Youtube etwa 10 Einspielungen mit lauter Koryphäen (unter: Schubert,Im Abendrot, D 799). 
 
Die Rolle des Klaviers, das ist ein Thema für sich, vielleicht ein andermal mehr dazu.
 
Für heute dies: achte mal, wie die Männer das Nein in der viertletzten Zeile singen und wie anders es die Frauen tun. Klar, jede und jeder singt es individuell verschieden, doch der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist frappierend.
 
So als würden die einen mit der großen Geste lautstarker Verneinung, die anderen mit lebenszugewandter Hingabe ihre gänzlich anderen Wege gehen. 
 

 

Wie alt will ich werden?

Heute entschloss ich mich, alt werden zu wollen. 

Mit diesem Wunsch begebe ich mich auf das Niveau jener Fanatiker*innen, die ihre Zellen auffrischen und weiß was für aufwendige Kuren anwenden, um den Tod zu überwinden und, wenn es nach ihnen ginge, ewig zu leben. 

Wer so an den Abgründen der Endlichkeit vorbeikommen will, sollte sich damit auseinandersetzen, wie die Welt in absehbarer Zeit aussehen wird, wenn keine absolute Wende kommt. 

Aller Erwartung nach wird sie so aussehen, wie sie der us-amerikanische Künstler Llyn Foulkes auf folgendem Bild dargestellt hat:

Im Vordergrund türmen sich zwei schwarze Haufen Mülls, von surrealen Schreckfiguren bewacht. Im Spalt dazwischen liegt eine beige Müllhalde. Im rechten oberen Bildrand ragt bis über das Bild hinaus eine weitere riesige Müllkippe. Im Hintergrund, wegen der niedrigen Auflösung des Bildes schwer erkennbar, ziehen sich die Mauern einer Stadt bis an den Horizont dahin. In dieser Stadt gibt es nur Steine, Staub, Unleben, Tod.

Ja, wer noch eine Weile auf dieser ach so schönen Erde weilen möchte, sollte dieses Szenario mitbedenken.

 

Argentinischer Fußball

«Dunkel», «verschlagen», «abgründig» wurde der argentinische Fußball von den Kommentator*innen während der WM 2026 immer wieder genannt. Diese Zuordnungen waren allgemeiner Art.

Mir hat dieser Fußball beim Zuschauen arg zugesetzt, vor allem im Spiel gegen England.

Was war im Halbfinalspiel zwischen Argentinien und England los? Fouls abseits des Spielverlaufs, Attacken jenseits der Spielregeln, so, als würden die argentinischen Spieler ihre Gegner am liebsten vernichten…

Ich kann mir die Sache nur so erklären, dass in den argentinischen Spielern der Falklandkrieg von 1982 als zentrales und emotional aufgeladenes Thema in ihrem kollektiven Gedächtnis den Hintergund bildete, ein Krieg, bei dem die Spieler gar noch nicht auf der Welt waren, der sich jedoch als kollektives Trauma tief ins allgemeine Gedächtnis eingebrannt hat, so dass die jungen Fußballer davon regelrecht besetzt waren. 

Und so haben wir einerseits Szenario vor uns, wie es sich auf der Welt an vielen Orten und in vielfältigsten Zusammenhängen in unendlichen Variationen abspielt: Die Zellen in uns rebellieren, ohne dass wir genau wüssten, woher der Aufruhr in uns kommt. – Wir stehen im Wirkfeld eines Traumas, das wir weder als solches erkennen noch, wenn es uns jemand sagen würde, anerkennen.

Im besagten Halbfinale wurde dieser Mechanismus offenbar, auch wenn die Spieler und Fans kein Bewusstsein davon gehabt haben mögen.

Sie alle – wir alle – sind Teile von durch Traumata entstandenen Systemen, in die wir nur durch Bewusstseinsarbeit Licht hineinbekommen.

Solange kein Licht in diesen abgründigen Prozessen ist, agieren die Vernichtungsinstinkte, beim Fußball ist das evident, doch auch in Beziehungen, Kollegien, Arbeitszusammenhängen, in Familien und Freundeskreisen und in fast allen Gesprächen, selbst in unseren Erinnerungen ist das vorerst so. 

Andererseits war den Spielern auch Vieles durchaus bewusst. Nach dem Sieg zeigten sie auf dem Platz ein Banner mit der Aufschrift „Las Malvinas son Argentinas“ – „Die Falklandinseln sind argentinisch“. Das war keine spontane Aktion, sondern eine bewusste politische Provokation der Nationalmannschaft.