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Argentinischer Fußball

«Dunkel», «verschlagen», «abgründig» wurde der argentinische Fußball von den Kommentator*innen während der WM 2026 immer wieder genannt. Diese Zuordnungen waren allgemeiner Art.

Mir hat dieser Fußball beim Zuschauen arg zugesetzt, vor allem im Spiel gegen England.

Was war im Halbfinalspiel zwischen Argentinien und England los? Fouls abseits des Spielverlaufs, Attacken jenseits der Spielregeln, so, als würden die argentinischen Spieler ihre Gegner am liebsten vernichten…

Ich kann mir die Sache nur so erklären, dass in den argentinischen Spielern der Falklandkrieg von 1982 als zentrales und emotional aufgeladenes Thema in ihrem kollektiven Gedächtnis den Hintergund bildete, ein Krieg, bei dem die Spieler gar noch nicht auf der Welt waren, der sich jedoch als kollektives Trauma tief ins allgemeine Gedächtnis eingebrannt hat, so dass die jungen Fußballer davon regelrecht besetzt waren. 

Und so haben wir einerseits Szenario vor uns, wie es sich auf der Welt an vielen Orten und in vielfältigsten Zusammenhängen in unendlichen Variationen abspielt: Die Zellen in uns rebellieren, ohne dass wir genau wüssten, woher der Aufruhr in uns kommt. – Wir stehen im Wirkfeld eines Traumas, das wir weder als solches erkennen noch, wenn es uns jemand sagen würde, anerkennen.

Im besagten Halbfinale wurde dieser Mechanismus offenbar, auch wenn die Spieler und Fans kein Bewusstsein davon gehabt haben mögen.

Sie alle – wir alle – sind Teile von durch Traumata entstandenen Systemen, in die wir nur durch Bewusstseinsarbeit Licht hineinbekommen.

Solange kein Licht in diesen abgründigen Prozessen ist, agieren die Vernichtungsinstinkte, beim Fußball ist das evident, doch auch in Beziehungen, Kollegien, Arbeitszusammenhängen, in Familien und Freundeskreisen und in fast allen Gesprächen, selbst in unseren Erinnerungen ist das vorerst so. 

Andererseits war den Spielern auch Vieles durchaus bewusst. Nach dem Sieg zeigten sie auf dem Platz ein Banner mit der Aufschrift „Las Malvinas son Argentinas“ – „Die Falklandinseln sind argentinisch“. Das war keine spontane Aktion, sondern eine bewusste politische Provokation der Nationalmannschaft.

 

 

Kosmische Energien?

Die Fußball-WM ist vorbei.

Es wird noch viel darüber geschrieben werden, aber jetzt können wir wieder andere Dinge tun, die Lohnsteuer machen, schwimmen gehen, wandern – oder ersatzweise täglich stundenlang die «Velöler» bei der Tour de France verfolgen 😉

Was mich am Fußball noch weiterbeschäftigen wird, ist die Frage, wie es in manchen Spielen zu einem Hattrick kommt? 

Wie kann ein Spieler drei Tore hintereinander innerhalb einer Spielzeit erzielen? Wie kann der Ball drei Mal vom gleichen Schuh ins Tor fliegen?

Wie ist das möglich, wo doch jeweils 44 fußballspielende Füße auf dem Platz sind? Wo bleibt da die statistische Erklärung für ein so geheimnisvolles Geschehen? Klar, der Spieler oder die Spielerin muss extrem gut sein. Aber das sind ja inzwischen mehr oder weniger alle.

Spielen in Hattrick-Momenten noch ganz andere Player mit? Nicht nur das Glück, sondern milliardenfach fokussierte Energie, die Energie der ganzen Spieler*innen, die des Publikums im Stadion, die der Zuschauermassen vor den Bildschirmen, ja vielleicht auch Energie aus dem Kosmos, quantenmechanische Einheiten, die im Menschengeist ungeahnte Materiebewegungen über die glückliche Fußspitze realisieren?

Ich weiß es nicht lasse ich das Phänomen stehen, und ich freue mich, wenn ab und zu wieder ein Hattrick in einem wichtigen Fußballspiel Wirklichkeit wird. 

 

«Annahmen»

Ich beobachte am Himmel in letzter Zeit viele Greifvögel, mehr als früher…

Und höre, dass unsere ach so liebreizenden Singvögel um ihr Überleben kämpfen. 

Liegt es daran, dass größere Vögel die Brut der kleineren räubern und dadurch ihre kleinen Brüder und Schwestern dezimieren? 

Ist es in der Vogelwelt also wie in der Menschenwelt? Dort fressen beispielsweise die großen Konzerne die kleinen. Auch ist es so, dass, wer viel Geld hat, sich an privater Geldvermehrung vergnügt (Aktien, Geldanlagen, Sparsysteme), während Arme immer rigoroser ohne Geld auskommen müssen, was bekanntlich nicht gut endet. 

Wie klug meine Gedanken auch klingen mögen, vielleicht sind es nichts als blinde Annahmen. 

Dafür spricht, dass der Hauptgrund für die Zunahme der Raubvögel in den letzten Jahren der erfolgreiche Artenschutz sein soll – und Artenschutz hat rein gar nichts mit Fressen und Gefressenwerden zu tun. 

Meine Gedanken kommern vermutlich daher, dass ich viel autofahre – und auf den Autobahnen liegt das Futter für die Raubvögel bereit, wohlfeiles Futter, das jederzeit, wenn wieder ein Tier auf einer Kühlerhaube aufschlägt, zusätzlich vermehrt wird.

Deshalb kreisen diese fleischfressenden Riesenvögel über uns, wohl nur deshalb.

Und die Kühlerhaube meines Autos kann jeden Moment die Statistik der Kadavermenge nach oben treiben und damit noch mehr Raubvögel anlocken und mich erst recht zu falschen Annahmen verleiten. 

 

«Macht» zum Dritten

Nochmals Gedanken zu «Macht»: 

Friedrich Nietzsche schrieb im 19. Jahrhundert an einem Buch, dem er den Titel «Der Wille zur Macht» geben wollte und das er nie zu Ende schrieb. In dem, was von diesem geplanten Buch überlebt hat, beschreibt er, wie alles Lebendige danach strebt, seine Kräfte zu entfalten. Einerseits träumte Nietzsche vom starken Menschen, der wachsen und sich überwinden will und der sein Leben schöpferisch gestaltet. Und auf der Realebene sah er mit Schrecken, wie sich in seinem Jahrhunder ein wissenschaftliches Denken ausbildete, das gegen den Menschen gerichtet ist. 

Im 20. Jahrhundert verschaffte sich dieses Denken dann in den großen Kriegen, Kriegen, wie sie die Menschheit davor nicht gekannt hatte, Gestalt. Bis gegen Ende dieses Jahrhunderts gab es weltweit eine Empörung und moralische Abgrenzung gegen diese Kriege. 

Und das 21. Jahrhundert? Was kann da noch Neues kommen? – Vielleicht dies, dass sich die Macht in unüberbietbarer Schamlosigkeit als Spaß zeigt, in Medien, in Stadien, in Interventionen, gegen die man sich vor 30 Jahren noch verwehrte und die man heute mit kalter Schulter über sich ergehen lässt. Es ist eine Form aggressivsten Neoliberalismus‘, der anscheinend vollkommen gesellschaftsfähig ist – und dabei das Soziale komplett korrumpiert, Nietzsche würde sagen: exstirpiert, also: ausrottet.

Ich freue mich trotzdem am heutigen Sommertag hier in Kassel, 

herzlich   

Gläserne Macht

Es gibt den «gläsernen Patienten» und die «gläserne Patientin», die «gläsernen Bürger*innen», «gläserne Verkehrsteilnemherinnen» und «gläserne Netzbenützer». In Kassel ist das Finanzamt inzwischen so tief in die Geldbewegungen der «gläsernen Steuerzahler*innen» eingeweiht (oder: hat sich eingeweiht), dass es – als Fortschritt und Bürokratieabbau verkauft – deren Steuererklärung selber ausfüllt.

Doch nicht nur wir, die Regierten und Verwalteten, sondern auch die Politiker*innen und ihre Entscheidungen und Intrigen werden zunehmend gläsern, da sie immer mehr bis in die letzten Macht-Instinkte durchschaubar werden. 

Und seit dieser Fußball-WM sickert auch im Sport durch (was verdeckt schon lange der Fall ist), dass die Korruptheit offensiv unverschämter, plump machtbezoger, schamlos willkürlich agierende Männer (zur Zeit gerade vorzugsweise tatsächlich Männer, alte Männer) die Sportresultate so sehr beeinflusst und steuert, dass sie sie auch gleich entscheidet. 

Ist das nicht großartig?!

Es zeigt ein letztes Aufbäumen der alten Strukturen, die sich inzwischen so transparent gestalten, dass sie sich in nächster Zeit selbst abschaffen – wohl nicht von heute auf morgen, aber in naher Zukunft. 

Gruß   

Infantilität ist Trumpf

Ich muss irgendwie schmunzeln, über andere, über mich selbst. 

Eine tiefe Empörung ging gestern um die Welt, weil ein mächtiger Mann und ein anderer mächtiger Mann in gegenseitigem Einvernehmen Politik und Sport schamlos aufeinander bezogen und Spielregeln außer Kraft gesetzt haben, an die sich, wenn wir so wollen, Milliarden Fußballbegeisterte halten (müssen).

Über mich selbst musste ich schmunzeln, weil ich in der Nacht auf heute fast gebetet haben, dass die belgische Nationalmannschaft, zu der ich wenig, sehr wenig Beziehung habe, im Fußball-WM-Achtelfinale 2026 die Mannschaft aus den USA, zu der ich noch weniger Beziehung habe, schlagen würde. 

Das ist dann auch passiert, zum Glück. 

Wieso diese Freude?

Weil sich Gesten des gesunden Menschenverstandes, denke ich, Raum verschaffen konnten und somit ein kleiner Restglaube erhalten blieb, dass es trotz aller Unanständigkeiten doch noch anständig zugehe auf der Welt, was natürlich ein Trugschluss ist, aber ich habe trotzdem Freude, obwohl mich dieser ganze Sch… eigentlich nichts angeht – und mich auch nicht wirklich angeht. 

 

 

Reden über Liebe

Usama Al Shamani hat in diesen Tagen einen Preis bekommen. Der Dichter hat ein Gedicht über die Liebe geschrieben, das mir aus der Seele spricht. Es vermag meine eigenen unvermögenden Versuche zum Thema zu ersetzen.

Die Liebe frage, was ich in mir trage, beginnt sein Gedicht. Sie kenne mich und treibe mich an Orte, wo ich nie war, schreibt der Dichter weiter. Wenn sie spreche, hätte ich still zu nicken Die Liebe wandere «im Amselton» auf Bergen und halte in der Stille, die plötzlich entstehe, inne, sie trage den Geruch von nassem Laub und verberge  vor unswie ein Kind das Hässliche.

Der Dichter vergleicht die Liebe mit Musik, die berührt.

Die Liebe wisse mehr von uns, als wir selbst verstünden, sie kenne das Kind in mir und spüre den Bruch und das Vergehen, das sich falte.

Al Shamanis hält fest, dass es die die Liebe sei, die Vieles ausschließe, wenn man über sie spreche.

«Es ist die Liebe, die viel Kraft braucht, wenn sie fällt», endet sein Gedicht.

Herzlich 

Midsommer

Heute sagte mir mein Hausarzt – zugegebenermaßen ein VITAMIN D Freak – wir in Kassel sollten vom Spätsommer bis zum nächsten Frühsommer große Mengen Vitamin D zu uns nehmen, da es permanent düster, verhangen und sonnenfern sei in unserer Stadt. 

Deshalb die depressive Grundstimmung? Deshalb die bleichen, aggressiven Gesichter an jeder zweiten Straßenecke?

Ich werde seinen Rat befolgen. 

Und ich will nicht zu denen gehören, die jetzt über die Hitzewelle klagen. Endlich mal meditterane Gefühle. Oder noch besser: Es ist zur Zeit hier in der Stadt wie in Shakespeares A Midsummer Night’s Dream, alles ist voller Geheimnisse und lustiger Feen, Undinen, Lüftchen und Zaubereien. Übermütchen und Gedankenlosigkeiten, herrlich…

 

Frontenverschiebung

Während der documenta fifteen erschreckten mich im damaligen Antisemitismusstreit, der seinen Würgegriff um diese Kunstausstellung schlang, immer wieder vor allem zwei Namen: Volker Beck und Meron Mendel.

Sie beanspruchten während dieser unsäglichen, hochpolitischen Debatte eine Art Alleinstellungsanspruch, was ihre Einmischungskompetenz betraf.

Das machte mich manchmal halb krank.

Die von ihnen kritisierte documenta ist längst vorbei, doch der streitbare Geist in den beiden Männern tobt anscheinend weiter, nur, dass sie sich jetzt gegenseitig angreifen. 

Jeder der beiden scheint genau zu wissen, was mit Außenstellen der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem passierte, wenn solche, wie manche befürworten, in Deutschland eröffnet würden. 

Meron Mendel zeigt sich der israelischen Regierung gegenüber kritisch und befürchtet ihre Einmischung und politische Einflussnahme, Volker Beck hält eine solche kritische Haltung für restlos unbegründet. 

Was Mendel und Beck zu verbinden scheint, ist ihre Überzeugung, dass jeder von ihnen Bescheid wisse und mit seiner Meinung politisch Einfluss zu nehmen nicht nur berechtigt, sondern geradezu aufgefordert sei. 

Beide warnen vor den falschen Leuten, die falsche Erinnerungkultur betreiben könnten – dass sie selbst vielleicht die Falschen sind, die da mitzureden haben, ist ein weiteres Merkmal der beiden streitbaren Männer.